Mundus maris nahm an den EU Ocean Days 2026 teil. Unser Fazit: Auch nach fünf Jahren ist das Ziel der EU-Mission zur „Wiederherstellung unseres Ozeans und unserer Gewässer“ noch in weiter Ferne, und die Herausforderungen wachsen stetig. Noch wichtiger ist: Weniger als ein Jahr nach der Ankündigung eines „EU-Ozeanpakts“ auf der UN-Ozeankonferenz im Juni 2025 ist die Auseinandersetzung um dessen praktische Umsetzung – und die damit verbundene angemessene Finanzierung des „Ocean Act“ – bereits in vollem Gange. Im Verlauf der Woche diskutierten Podiumsteilnehmer und Referenten intensiv darüber, wie sich die unterschiedlichen lokalen Gegebenheiten mit der europäischen und internationalen Ebene in Einklang bringen lassen. Umweltbezogene, wirtschaftliche, technologische, soziale oder institutionelle Fragen erfordern meist integrierte Lösungen auf lokaler Ebene. Gleichzeitig müssen jedoch Wissen, Kompetenzen, Finanzmittel, operative Kapazitäten und Governance-Strukturen auf europäischer und internationaler Ebene genutzt werden, um den heutigen und künftigen Herausforderungen angemessener zu begegnen.
In der Sitzung zum Thema „Meereswissen für die Gesundheit des Ozeans“ am 3. März plädierte Manfred Zeiler vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie dafür, die systematische Zusammenarbeit in Europa zu stärken – und zwar nicht nur durch kurzfristige Forschungsprojekte, so wertvoll diese auch sein mögen, sondern durch eine regelmäßige Kooperation zwischen Institutionen mit einem Mandat zur Ozeanbeobachtung.

ie wichtigsten Anliegen der Sitzungsteilnehmer kamen in der Slido-Umfrage zum Ausdruck.
In diesem Zusammenhang hob José Miguel Rubio Iglesias von der Europäischen Umweltagentur (EUA) die bereits vom Copernicus-Programm erbrachten Leistungen hervor. Er betonte jedoch auch die Herausforderungen bei der zeitnahen Bereitstellung direkt nutzbarer Wissensprodukte, die sich aus der Vielzahl der Akteure auf nationaler Ebene ergeben – bedingt durch das Fehlen harmonisierter Mandate und Finanzierungsstrukturen (mit Ausnahme des Bereichs Meteorologie).
Am nächsten Tag diskutierten die Diskussionsteilnehmer darüber, wie die Wettbewerbsfähigkeit der „Blue Economy“ unter Berücksichtigung von Innovationen erhalten werden kann und wie sich dies in breiter angelegte wirtschaftliche Erfolgsgeschichten ummünzen lässt.

Das geringe Angebot an Risikokapital in Europa erschwerte es selbst Start-ups, die in wichtigen Technologiebereichen führend waren, die für eine Skalierung erforderlichen Mittel aufzubringen; denn Banken waren ausgesprochen risikoavers und an Vorschriften gebunden, die darauf abzielten, die Risikobereitschaft zu begrenzen. Solenn Gouerou von SEA.AI veranschaulichte dies am Beispiel der leistungsstarken, schiffsgestützten Ozeanbeobachtungssysteme des Unternehmens, die von Teams in Österreich, Portugal und Frankreich entwickelt worden waren. Das Start-up rechnete zwar damit, in den kommenden Monaten die Gewinnschwelle zu erreichen, benötigte nun jedoch eine erhebliche Finanzspritze, um seine Spitzenposition zu behaupten und über den begrenzten europäischen Markt hinaus zu expandieren.
Die Diskussionsteilnehmer, die die Perspektiven der privaten und institutionellen Finanzierung einbrachten, bestätigten, dass die entscheidende Rolle der Finanzierung sowie der Zeitrahmen für den Kapitalrückfluss von technologieorientierten Unternehmen typischerweise unterschätzt wurden.
Marco Cappeddu von Fincantieri stellte das Beispiel eines etablierten europäischen Branchenführers vor, der sich auf den Bau von Spezialschiffen konzentriert – im Gegensatz zu Massengutfrachtern, deren Bau von asiatischen Werften dominiert wird. Das Unternehmen setzt auf Innovationen zur Verringerung der Umweltbelastung; dies unterscheidet sich grundlegend von der kapitalintensiven Massenproduktion. Derzeit wird das erste wasserstoffbetriebene Kreuzfahrtschiff gebaut, dessen Auslieferung an Viking für Ende 2026 geplant ist.
Auf die Frage, was für den langfristigen Erfolg des Unternehmens am wichtigsten sei, lautet die Antwort zweierlei: stabile Rahmenbedingungen, die Vorreitern bei der Einführung umweltfreundlicher Lösungen helfen, sowie der Ausgleich zwischen nachhaltiger Produktion und nachhaltigem Konsum einerseits und internationaler Wettbewerbsfähigkeit andererseits.
Im zweiten Panel ging Annika Kroon von der GD MOVE direkt auf diesen Punkt ein. Sie berichtete, dass der Anteil der Schiffe mit Dual-Fuel-Antrieb zur Emissionsminderung von ursprünglich 6 % auf mittlerweile 40 % gestiegen sei – eine Folge der EU-Vorschriften. Leider scheiterte eine weltweite Ausweitung dieser Regelung bei der jüngsten Sitzung der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO). Dies dürfe jedoch nicht dazu führen, das Ziel aufzugeben, die Klimabelastung durch die Schifffahrtsbranche zu verringern.

Slido-Umfrage zu den wichtigsten Hebeln, um die Fischerei bis 2040 nachhaltig und wettbewerbsfähig zu gestalten
Die Nachmittagssitzung am Mittwoch, dem 4. März, widmete sich einer Vision für das Jahr 2040, die auf florierende Fischerei- und Aquakultursektoren abzielt. Eingeleitet wurde sie von Costas Kadis, dem Kommissar für Fischerei und Ozeane, der die Teilnehmer an die Bedeutung des Verbrauchervertrauens, der Versorgungssicherheit, guter Arbeitsbedingungen sowie eines zweckmäßigen Instrumentariums – sowohl in regulatorischer als auch in finanzieller Hinsicht – erinnerte. In der anschließenden hochrangig besetzten Podiumsdiskussion wurde nachdrücklich dafür plädiert, dem Produktionsrückgang durch den Wiederaufbau der Bestände entgegenzuwirken, um die Fischerei für junge Menschen attraktiv zu gestalten. Charlena Vitcheva, Generaldirektorin der GD MARE, verwies darauf, dass die letzte Reform, aus der die derzeitige Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) hervorging, ein Bestandsmanagement vorschrieb, das die Bestände oberhalb des Niveaus des höchstmöglichen Dauerertrags (MSY) hält. Der aktuelle Fischereidruck müsse verringert werden, um einen weiteren Rückgang der Biomasse im Wasser sowie Rentabilitätsverluste zu vermeiden. Zwar sei es notwendig, die Maßnahmen an die regionalen Gegebenheiten anzupassen, doch komme es ebenso darauf an, die Rentabilität der Berufe zu sichern, um den Generationswechsel zu gewährleisten.
Der Europaabgeordnete Thomas Basada verteidigte nachdrücklich die Notwendigkeit, die Kleinfischerei zu unterstützen – und zwar nicht nur im Mittelmeerraum. Er plädierte eindringlich für eine bessere internationale Meerespolitik, Investitionen in Klimaresilienz und einen gesunden Ozean sowie für ein ehrgeiziges europäisches Meeresgesetz, um den Meerespakt mit einer für die Glaubwürdigkeit ausreichenden Finanzausstattung in die Praxis umzusetzen.

Graphische Zusammenfassung von Pauline Vidal
Während der zweiten Diskussionsrunde dieser Sitzung griff Javier Garat – in seiner Funktion als Präsident von EUROPECHE, dem Lobbyverband der Fischereiindustrie – die Präsentation von Charlena Vitcheva scharf an und forderte die Abschaffung von Fischereikontrollen und Umweltauflagen. Stattdessen plädierte er für die Finanzierung eines Aktionsplans für „Blue Food“ sowie für weitere Subventionen für Flottenbetreiber. Diese Ansicht wurde vom Publikum jedoch eindeutig nicht geteilt, wie die obenstehende Slido-Umfrage zeigt. Interessanterweise beklagte er in einer späteren Diskussionsrunde am 6. März, die sich mit Küsten- und Inselgemeinden befasste – und in der er den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) als Mitglied und Berichterstatter für den „European Ocean Act“ vertrat –, die schweren Schäden, die drei aufeinanderfolgende Wirbelstürme in seiner Heimatstadt nahe Cádiz in Andalusien angerichtet hatten. Dies stellt zweifellos eine enorme Belastung für die betroffenen Menschen und Gemeinden dar, die auf Solidarität und Hilfe angewiesen sind.
Sollte hier nicht auch erwähnt werden, dass die Grundschleppnetzfischerei beträchtliche Mengen an CO2 freisetzt und maßgeblich zu den Emissionen der industriellen Fischerei und Schifffahrt beiträgt, welche wiederum den Klimawandel beschleunigen? Zudem sei darauf hingewiesen, dass Küstengemeinden mit intakten, funktionierenden Ökosystemen – etwa ausgedehnten Seegraswiesen – geringere Sturmschäden erleiden als solche mit umfangreicher künstlicher Infrastruktur. Es gibt also eindeutig mehr zu bedenken, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Die Schäden in Regionen Portugals, Spaniens, Italiens und darüber hinaus sind gewiss nicht bloß Versicherungsfälle; sie sind vielmehr ein Anlass, unseren Umgang mit dem Ozean zu überdenken und konkrete Schritte zur Wiederherstellung gesunder Ökosysteme zu unternehmen. Investitionen in die Regenerationsfähigkeit des Ozeans können einen wichtigen Baustein für die Gestaltung der Zukunft darstellen.
Auch am darauffolgenden Tag, dem 5. März, ergriff Kommissar Kadis auf dem Missionsforum „Restore our Ocean and Waters“ das Wort. Er zeigte sich erfreut darüber, dass auf europäischer Ebene bislang mehr als 400 Millionen Euro in die operative Umsetzung der Mission investiert wurden und dass die Missionscharta bereits mehr als 1000 Unterstützer gewonnen hat, die entsprechende Zusagen gemacht haben.
Mundus maris hat zugesagt, an der Verbreitung des Rollenspiels „Protecting Blue Horizons“ mitzuwirken, um das Funktionieren eines Meeresschutzgebiets in der Praxis zu gewährleisten.
Der Kommissar betonte, wie wichtig es sei, die Grundlagen des Ozeanpakts richtig zu gestalten, und unterstrich die Bedeutung einer entschlossenen Verfolgung des Ozeangesetzes – das derzeit Gegenstand mehrerer öffentlicher Konsultationen ist –, um die Mittel für den Ausbau der Pilotmaßnahmen aufzustocken und greifbare Ergebnisse zu erzielen.
Pascal Lamy, der Vorsitzende des Missionsausschusses, unterstrich ebenfalls die Notwendigkeit von Ergebnissen. Er merkte an, dass das Thema Ozean seit dem Start der Mission sowohl auf der EU-Agenda als auch auf internationaler Ebene an Bedeutung gewonnen habe.
Er betonte jedoch, es sei an der Zeit, kleinteilige Lösungen in groß angelegte Lösungen zu überführen – ein Vorhaben, das auf nationaler Ebene mehr politisches Engagement auf hoher Ebene erfordere.
Der „Ocean Act“ müsste ebenso ehrgeizig sein wie der „Ocean Pact“; und während die Investitionen im Rahmen der Mission das Fünf- bis Neunfache an zusätzlichen Finanzmitteln mobilisiert hatten, wäre es unerlässlich, im mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) eine deutliche Aufstockung der Mittel vorzusehen, um einen breiteren Erfolg und den angestrebten Wandel zu ermöglichen.
Lotte Worsøe Clausen von der europ. Umweltagentur berichtete, dass die Agentur Indikatoren zur Messung von Ergebnissen entwickelt habe – insbesondere im Hinblick auf den Schutz der biologischen Vielfalt, das Ziel der Schadstofffreiheit („Zero Pollution“) und die Unterstützung der Politik zur Kreislaufwirtschaft.
Die ersten Ergebnisse unter Verwendung von Indikatoren zur Bestimmung des aktuellen Stands, der bei der Umsetzung notwendiger Änderungen auftretenden Hindernisse sowie der Möglichkeiten zu deren Überwindung zeigten eine weitgehende Übereinstimmung des Handelns mit diesen politischen Vorgaben.
Die nächste Bewertungsrunde wird sich darauf konzentrieren, wie gut die Skalierung in allen Regionen der EU funktioniert.
Die Mission lieferte nicht nur erste praktische Erfahrungen aus einer Vielzahl von Projekten; darüber hinaus engagierten sich mehr als 160 regionale Behörden für die Ausweitung der Projektergebnisse. Der Generaldirektor der GD Forschung und Innovation (DG RTD) berichtete, dass 16 EU-Mitgliedstaaten die Missionscharta unterstützten und Mittel in Höhe von 600 Millionen Euro für Demonstrationsstandorte bereitgestellt wurden.

Neben den Präsentationen im Hauptsaal stellten verschiedene Projekte ihre Ergebnisse vor, die für eine Hochskalierung bereit sind. Dazu gehörte das Projekt ULTFARM, das sich auf Aquakulturen auf niedriger trophischer Ebene konzentrierte. Präsentiert wurden Ergebnisse aus den Bereichen Muschelzucht und Algenproduktion sowie daraus hergestellte Produkte, wie etwa knusprige Algen-Chips.
Ein weiterer vielversprechender Ansatz bestand darin, die Aquakulturproduktion durch Tourismus, Citizen Science und das Angebot von Freiwilligendiensten als Naturführer während der Sommermonate zu diversifizieren.

Die Erkundung von Chancen in der Kreislaufwirtschaft stand im Mittelpunkt eines weiteren Projekts, das sich auf das Upcycling von Kunststoffabfällen konzentrierte. Das Projektteam präsentierte verschiedene Optionen, für die es die Rahmenbedingungen untersucht und einen Machbarkeitsnachweis erbracht hatte. Nun strebte man Kooperationen an, um das Pilotprojekt in ein Start-up zu überführen. Auch diverse andere Projekte stellten ihre Ergebnisse vor – im Bewusstsein, dass der Weg von einer Forschungsinnovation hin zu einem tragfähigen Geschäftsmodell steinig sein kann. Angesichts der Vielzahl an Forschungs- und Pilotprojekten, die Ergebnisse liefern, hätten an beiden Veranstaltungsorten noch weitaus mehr Beispiele präsentiert werden können.
Insgesamt boten die „EU Ocean Days“ eine hervorragende Gelegenheit zur Vernetzung und zum gegenseitigen Austausch. Es ist der EU hoch anzurechnen, dass sie dem Thema Ozean eine solche Sichtbarkeit verliehen und einen Dialog ermöglicht hat. Was die Organisation und die großzügige Verpflegung betraf, so war die Veranstaltung zwar gelungen, doch hinsichtlich der Ausgewogenheit – mit einem natürlichen Schwerpunkt auf Stimmen aus den EU-Institutionen – gab es durchaus noch Luft nach oben für künftige Ausgaben. Stimmen aus der Schwarzmeerregion waren diesmal kaum vertreten, und bei den Beiträgen aus dem Ostseeraum dominierte Finnland stark; zudem fehlten Vertreter der Kleinfischerei – die immerhin rund 70 % der Beschäftigten in diesem Sektor ausmachen – gänzlich, obwohl diese Gruppe durch die Plattform LIFE („Low Impact Fishers of Europe“) über eine starke und wortgewandte Interessenvertretung verfügt und gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen bereits eine Vision sowie konkrete Vorschläge für eine zukunftsfähige, gesunde und florierende Fischerei vorgelegt hat.

Eine auffällige Lücke auf der Agenda war der „Ocean Fund“, der dem geplanten „Ocean Act“ Glaubwürdigkeit verleihen sollte. Dieses Gesetz soll den im vergangenen Jahr veröffentlichten, ambitionierten „Ocean Pact“ in die Praxis umsetzen. Doch gerade hochrangige Vertreter der Kommission äußerten sich die ganze Woche über kaum zur Umsetzung. Ist dies womöglich darauf zurückzuführen, dass sich die Kommissionspräsidentin bei der Eröffnung auf „OceanEye“ – also auf Beobachtung und Überwachung – konzentrierte, anstatt auf die Durchsetzung bereits bestehender Gesetze und Vorschriften sowie auf die Frage einzugehen, wie der „Ocean Act“ am besten konkret umgesetzt werden kann?
Dennoch ist anzuerkennen, dass Europa bereits einen beachtlichen Weg zurückgelegt hat, um die Bedeutung des Ozeans zu würdigen. Nun liegt es auch an den Bürgerinnen und Bürgern, den gewählten Abgeordneten und den verschiedenen betroffenen Organisationen, sich konstruktiv an den laufenden Konsultationsprozessen zu beteiligen. Diese müssen den Weg zu einem transformativen „Ocean Act“ (Gesetz für den Ozean) weisen, der uns auf einen konsequent regenerativen Kurs bringt. Ziel ist es, dem Ozean etwas zurückzugeben, um weiterhin von seinen Gütern und Dienstleistungen zu profitieren – im Einklang mit unserer Verantwortung für das Gebiet, das als die größte ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) eines Landes oder einer Region gilt. Die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme dient zudem als Versicherung gegen weitere Klimakatastrophen und sollte Teil des mittlerweile stärkeren Fokus auf Sicherheit und Schutz sein. Es gilt also, gemeinsam daran zu arbeiten, unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven in robuste Lösungen einfließen zu lassen. Alle Kräfte werden hierfür benötigt. Mundus maris wird auch weiterhin die Zusammenarbeit für einen gesunden Ozean und florierende Küstengemeinden unterstützen.
Text und Photos von CE Nauen von Mundus maris.